Früher hat Clara Hill Clubmusik gemacht. Heute ist sie Berlins bekannteste Neofolk-Sängerin.
Clara Hill steht im schwarzen Mantel und weißen Jeans am Geländer auf der Dachterrasse des Clubs Week-End am Alexanderplatz. Die Haare der 29-Jährigen sind grau, von Natur aus. Von hier oben kann man weit gucken: auf breite Straßen, Baustellen und den halb abgerissenen Palast der Republik. Vielleicht kein typischer Ort für Berlins bekannteste Neofolk-Sängerin. Aber... Read more
Früher hat Clara Hill Clubmusik gemacht. Heute ist sie Berlins bekannteste Neofolk-Sängerin.
Clara Hill steht im schwarzen Mantel und weißen Jeans am Geländer auf der Dachterrasse des Clubs Week-End am Alexanderplatz. Die Haare der 29-Jährigen sind grau, von Natur aus. Von hier oben kann man weit gucken: auf breite Straßen, Baustellen und den halb abgerissenen Palast der Republik. Vielleicht kein typischer Ort für Berlins bekannteste Neofolk-Sängerin. Aber Clara Hill hat ihn ausgesucht, mit Bedacht.
Immerhin ist das Berliner Clubumfeld Clara Hill alles andere als fremd. Die Musik auf ihrem aktuellen Album "Sideways" ist zwar unaufgeregter, mit Soul und Jazz verwebter Gitarrenfolk, und ihre vertrackt verträumte Stimme erinnert dabei an Lieder wie "All I need", das Sängerin Beth Hirsch mit dem französischen Elektropop-Duo Air aufgenommen hat. Doch andere Sounds von Clara Hill sind all jenen vertraut, die die Entwicklung des Acid-Jazz in den vergangenen Jahren verfolgt haben. Dieses durchaus clubverträgliche Genre, in dem elektronisch vermittelt Soul, Funk und Jazz zueinander finden, hat Hill früher bedient: 2004 mit ihrem ihr Debütalbum "Restless Times" und zwei Jahre später mit dem Nachfolger "All I Can Provide".
Beide Alben sind bei Sonar Kollektiv erschienen - dem Label der Berliner DJ- und Produzentenclique Jazzanova, die sich im Delicious Doughnuts in Mitte kennenlernten und 1997 mit ihrem Brasil-Sound bekannt wurden, der fast überall lief - in Clubs und Cafès gleichermaßen. Mit "Sideways" ist Hill zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. "Das ist eine Befreiung gewesen von der Soundpoliererei der Elektroalben", sagt sie. Ganz pur sei es aus ihr raus gekommen. "Ich saß nachts mit der Gitarre auf dem Bett und es floss."
Auf der Dachterrasse des Week-End lässt einen das grelle Licht die Augen zusammenkneifen. Clara Hill sieht zum Fernsehturm. "Der erinnert mich an meine Kindheit in der DDR, zum Alex zu fahren war immer ein Ereignis", sagt Hill. Die Musikerin ist in Pankow geboren und in Karow aufgewachsen. Viel auf Wiesen sei sie damals rumgehüpft. "You remember when, we were chasing sanddust across the field", singt sie in "Everything", einem Lied über die Unbefangenheit der Kindheit. Wie viele Neofolk-Sängerinnen benutzt Hill Naturmotive. Auf dem Cover ihres Albums ist ein Flugwesen, ein Zwitter aus Salamander, Libelle und Schmetterling. "Das bin ich", sagt sie: "Starker Körper, zerbrechliche Flügel." Ein Wesen, das hin- und herfliegt. Zwischen Elektronik und Folk, zwischen Wiesen in Karow und Clubs in Mitte.
Wer mit ihr durch ihren heutigen Kiez in Prenzlauer Berg schlendert, versteht, warum sie noch nie aus der Stadt weggezogen ist. "Ich atme Berlin", sagt sie. Ihre Freunde wohnen alle um die Ecke. Es stört sie nicht, dass sie ständig jemanden trifft. Sie mag diesen Dorfcharakter, die Cafés, in denen man neben Kirschkuchen auch gleich Tische und Stühle kaufen oder sich die Füße massieren lassen kann. "Ich lasse mich von Städten wie Sydney, Tokio oder Moskau inspirieren, aber leben möchte ich nur hier", sagt die Berlinerin über das Stück der Stadt, in der sie eine der wenigen richtigen Berlinerinnen ist. Show less
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